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Jochen Busse und Henning Venske beim Seesener Kulturforum

Die Herren Busse und Venske hatten einen Akkordeonspieler auf die Bühne des Seesener Kulturforums mitgebracht, den Herrn Grischek, vielleicht um die lange Zeit des Wartens im ärztlichen Wartezimmer kurzweilig zu kürzen, oder um einen Sündenbock oder Watschenmann zu haben.

Jochen Busse fragt ins Publikum hinein: „Muss man sich hier eine Nummer ziehen?“ – „Ich warte nicht“ beginnt Henning Venske – mit Blick zu der Masse der Zuschauer – „Ich bin privat!“ Seinen Auftritt als dritter Mann leitet Frank Grischek mit dem Harry-Lime-Thema ein. Er wird von den Kabarettisten als ehemaliger Bankenmanager vorgestellt, der krisenbedingt bei Hartz-IV gelandet sei: „Er ist von allen Bänkern in Europa der beste Akkordeonist!“ Mit dem „Rondo alla Turca“ jedenfalls zeigt er auf, wie Mozart auf dem Schifferklavier klingt.

Die schwarz-gelbe Koalition ist Thema, die Westerwelle-Rösler-Brüderle-FDP, Subventionen, Organspende-Pflicht für Hartz-IV-ler … aktuelle Politik wird aphoristisch knapp gestreift, ohne allerdings aktuell anzugreifen. Ein Politiker bleibt namenlos („adliger Knallfrosch mit Fußnotenamnäsie“), aber man weiß, wer gemeint ist: „War der Mann nur faul oder geistig limitiert?“ – Deckungsgleichheiten zwischen Medienpräsentationen von Politikern und Konsumwaren leiten über zu einer Suche nach „Demokratie“ in den Verfassungen von Alt-Griechenland bis USA und Frankreich und „seit dem Fall der Mauer ist die Welt nicht sicherer, nicht demokratischer geworden.“

Das Publikum erlebt hanseatisches Kabarett im Doppelpack. Die Noblesse der bürgerlich-aristokratischen Perspektiven wahrt Distanz in ihren sprachlich geschliffenen Despektierlichkeiten. Das Venske-Busse-Kabarett lebt von der Doppelconference, vom gegenseitigen Ballzuwerfen. Es ist eher Schauspiel, sketchig, kurzkapitelig, boshaft, respektlos. Spontaneität ist da kaum zu erwarten, denn die Texte der An- und Überwürfe sind passgenau zusammengefügt. Die Vorträge beeindrucken durch ihre kunstvollen Sprachkaskaden bis hin zu endlosen Bayreuther Stabreimketten („Geldgeiles Gesindel im Größenwahn“). Henning Venske bleibt unterkühlt, während sein Gegenpart Jochen Busse sich aufplustert mit geschwollenen Adern an den Schläfen. Die Drittperson Grischek bleibt, bis auf drei gesprochene Silben, sprachlos, ein eher surreales Objekt, auf das die Anzüglichkeiten zielen. Seine musikalischen Intermezzi bewegen sich zwischen argentinischem Tango, verspielten Musettes, langsamer Händel-Sarabande und dem Ungarischen Tanz Nr. 5 von Brahms. Die rechte Hand ist flink und durchaus virtuos, manchmal dominiert die Bassseite das Spiel.

In der „für das Kulturforum zweckentfremdeten Schulaula“ (Busse) ist das Kabarettstück schließlich unprätentiös schnell zu Ende. Zugaben gibt es nicht, auch kein wiederkommendes Verneigen. Herr Grischek trägt dem Herrn Busse dessen Dankes-Rose hinterher. Das Publikum im großen Wartezimmer des Seesener Schulzentrums wartet vielleicht noch immer? Auf jeden Fall wartet es auf das vielversprechende Programm des Seesener Kulturforums für die kommende Saison.

Joachim Frassl

Antonio Mateo

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Nachricht vom 23.5.11 11:18

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