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Jochen Malmsheimer wortreich beim Seesener Kulturforum

Der liebgewonnenen Tradition des Seesener Kulturforums gemäß wurde die Galerie der großen Kabarettisten Deutschlands durch das Gastspiel von Jochen Malmsheimer ergänzt. So machte er zwei Stunden lang große Worte um das Thema „Wenn Worte reden könnten …“

Der ruhrpottdeutsche Bochumer Malmsheimer beginnt: „Ich bin nachgerade froh, dass ich hier bin, Nordrhein-Westfahlen wollte mich nicht ausreisen und Niedersachsen nicht einreisen lassen!“ Ob das darob schmunzelnde Publikum den Hintergrund für diese Feststellung begreifen kann, bleibt offen; denn es erfährt nichts vom Mega-Stau, der den Künstler derart hemmte, dass er Seesen „man gerade so“ kurz vor Programm-Beginn erreicht hatte. Ein Sound Check war nicht mehr möglich, so dass die Bandbreite seiner Wortgewaltigkeit in den lautesten Auswürfen auch Wortgewalt wurde.
Ja, „wenn Worte reden könnten“, dann käme Malmsheimer zwei Stunden lang selbst nicht zu Wort, selbstredend. Seine Darstellung des Modelleisenbahnkaufs ist ein Klassiker, der zu Beginn gesetzt, die großen Erwartungen bestätigt. Malmsheimers Worte sind zunächst hochsprachig geschliffen und argumentativ überzeugend, ehe sie nach kurzer Zeit schon entgleisen und in Ruhrpottsprache kurz und platt werden. Was ist eigentlich ein „semipermeables Regal“? „…da keimte in mir der Same des Misstrauens“ und hoppla: „Sach ma! Ich duze mich!“ – „Ergo! Ich hätte auch also sagen können!“ Die Argumentation in und um den Eisenbahnladen erinnert an Alexander Spoerls „mittelmäßigen Schüler“. Die Klebekunst um Bausatz und Satzbau verbindet und die „im Leim siedelnden Lösungsmittel“ bringen am Ende die zündende Idee, die zu beschenkenden Kinder in „Tschschete-Tschschete“-Staunen zu versetzen.
Für eingeworfene Plattitüden (ein „Kardinalfehler“ wird vergrößert zum „Papst…“) entschuldigt sich Malmsheimer sofort. Sein Text- und Vortragsfluss ist die Kunst der Aneinanderreihung von Belanglosigkeiten, die keinen roten Faden, aber eine logische Dominoreihung ergeben.
Sein Gassi-geführter „vielseitig interessierter“ Riesenhund („Der Halter ist mit dem Hund langledrig verbunden!“) entwickelt sich zu einer herrlichen Slapstick-Litterage zwischen „Scheißlaune“, „Gesetz über Leinenzwang“ und reizvollem Fremdwörterspiel um „Caniden“. Was hat Bärbel Höhn eigentlich täglich mit einem „verstorbenen Opossum“ zu tun? – Fremde Ruhrpottsprache wird auch anhand der beliebten „ob-dat-ma“-Sätze verständlich gemacht, auch dass „spax“ die Steigerung von „eng“ sei, wird bei der Schilderung der Häkelpullover der Frauen der 60er-Jahre nachspürbar, das Ganze ergänzt durch Erinnerungen an Nappos, Ahoi-Brause, Popelin und Helanca („heute Reiseziel in Asien!“).
„Wussten Sie, dass Wasser durch pures Stehen nicht gewinnt?“ Aber Malmsheimer steht auch, wenn er liest! So wird, besonders im zweiten Teil der Vortrag beim Kulturforum zu einer Lesung. Bemerkt sei hier: Nicht jeder Literat kann seine Texte vernünftig (vor)lesen. Er aber kann´s. Sein Vortrag macht viel Spaß! Nach fast zwei Stunden Programm wird auch dem letzten Zuschauer klar, was gemeint ist: „Haben Sie gemerkt, dass ich gern rede?“ Philosophisch wird weiter gedacht: „Was macht eigentlich ein Wort, wenn es gesprochen worden ist?“

Die Stehlesung des zweiten Teils höhepunktet in der Geschichte „Wenn Worte reden könnten“. Sie entwickelt sich grammatikalisch-analytisch in Smalltalks zwischen den Buchstabengruppen, Vokalen, Diphtongen und Satzzeichen. Wie geht man mit Semi-Cola um? – „Reduplizieren Sie woanders!!“ – Hochsprache und „Dialektpresse“ am Beispiel vom „Oachkatzlschwoaf“. Am Ende wird auch „Dia-Lektik“ neu als Bildlese bewertet. Bleibt noch die Frage: Was wäre, wenn Worte rechnen könnten? - Das Publikum beim Seesener Kulturforum würde sich auch dazu in Zukunft gerne von Malmsheimer berechnen lassen.
Joachim Frassl

Antonio Mateo

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Nachricht vom 8.10.11 16:28

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