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Wladimir Kaminer beim Seesener Kulturforum

Vielschreiber Wladimir Kaminer brachte zu seiner Lesung beim Seesener Kulturforum sein neues Buch „Liebesgrüße aus Deutschland“ mit. Es war Dreh- und Angelpunkt seiner Geschichten. Die angekündigte „kaukasische Schwiegermutter“ wich den literarischen Aktualitäten und wurde nicht thematisiert.

Der deutsch-russische Autor, gerade aus St. Petersburg in Sachen „Botschafter für die deutsche Kultur“ zurück, liest geschriebene Comedy und erläutert deutsches Wesen aus russischer Perspektive. Seine Selbstironie klingt glaubhaft aus dem Herzen von russischer Seele, transportiert durch russischen Akzent, unterstützt durch Schlitzohrigkeit und überzeugend durch Charme. Er ist Leser ohne Sessellehne und Tischstütze. Kein Rednerpult behindert seine teils freie Rede und teils freie Lesung. Das neue Buch mit den Liebesgrüßen stets fest in den Händen, jongliert er bisweilen mit einem Wust ergänzender Textzettel oder plaudert einfach drauflos.

Kaminer hat viel zu erzählen, so auch von seinen Eindrücken auf dem evangelischen Kirchentag in Dresden. Als er in diesem Zusammenhang auf den „Spion“ und „Sachsen Putin“ zu sprechen kommt, entzündet sich fast ein Demokratie-Disput zwischen Kaminer und einer Zuschauerin im Saal. Sein Argument gegen die Erneut-Wahl: „Zwölf Jahre gekettet an seinen Stuhl hat auch er das Recht auf ein freies Leben!“

Mehrfach wird deutlich, dass es in der russischen Sprache keinen Begriff für „Einverständniserklärung“, „Versöhnung“ oder „Fluchtwege“ gebe. Die Schilderung der Veranstaltung im Dresdener Hygienemuseum („Russendisko“) vermittelt den Blick auf deutsche Ordnung, wie vorher schon Kaminers Blick auf die „spontane Vegetation“ in seinem ehemaligen Schrebergarten. Spontan ist auch wieder die Zettelsuche in den eigenen Texten.

Kaminer ist ein wenig der deutsch-russische Kishon. Seine Familiengrotesken
steigern sich, wie beim klassischen Witz, über drei Stufen hin zur Pointe; Alltäglichkeiten geraten aus dem Ruder, Chaos droht, und am Ende bestätigt ein Rückblick auf den Anfang die These. Das „Drama der Kuscheltiere“ bekämpft die Trauer des Sohnes um seinen Schmusehund. Das Tier ist nach drei Odysseen wieder im heimischen Bett; ob das Tier noch dasselbe ist, bleibt auch eine Frage der Hoffnung. Der „Sponsorenlauf“ ist eine augenzwinkernde Analyse um das Erwachsenwerden der Kinder. Der Text „Der deutsche Mann“ vergleicht die Anmache-Techniken der – nicht nur russischen – jungen Männer mit denen in Deutschland. Das klingt wie Geschichten aus 1001 Nacht auf einen Satz komprimiert: „Du hast so süße Augen – hat dein Vater eine Zuckerfabrik?“ Kaminer zeigt das „Erwachsenwerden als Geschichte des Scheiterns“, mit dem „deutschen Mann als Kollateralschaden“.

Fast zwei Stunden lang hören die Gäste beim Seesener Kulturforum skurrile Texte und verstehen wohl auch die zwischen den Zeilen versteckte Melancholie. Wenn Wladimir Kaminer auch seit mehr als 20 Jahre in Deutschland lebt, spürt man die russische Feder, er hat sich den Blick von außen auf die deutsch-russischen Klischees bewahrt. Zuviel Ordnung ist langweilig. Kaminer stapelt seine Textzettel, verneigt sich vor dem Publikum und wird mit herzlichem Applaus gefeiert.

Joachim Frassl

Antonio Mateo

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Nachricht vom 4.5.12 11:03

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