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Gernot Hassknecht beim Seesener Kulturforum

Kabarett beim Seesener Kulturforum einmal etwas anders, nämlich als Lehrgang zur Verhaltensoptimierung: „Das Hassknecht-Prinzip – In 12 Schritten zum Choleriker“, so verspricht es der Titel des Programms von Hans-Joachim Heist. Seine Choleriker-Kunstfigur aus der Heute-Show hat jetzt auch Seesen erreicht, mit dröhnendem Erfolg, wie man es im Anschluss bei den Autogramm-Fordernden hören konnte. Gernot bewegt sich vor der Bühne und beginnt den Abend mit einer telefonischen Beschwerde an den Veranstalter: Das Bühnenlicht stamme vom Flohmarkt und das Publikum entspreche nicht seinen ästhetischen Bedürfnissen, die Bühne mache ihn zu klein. Immerhin: Endlich „offiziell“auf der Bühne stehend begrüßt er dieses Publikum mit „Ich freue mich!“ Langsam, aber zielgerichtet steigert er sich in seine Lästereien, die nichts und niemanden aussparen. „Die Große Koalition ist eine Volkskammer Zwei-Punkt-Null“, Kuschelei sei angesagt. Er weist auf die Karriere-Etappen Ursula von der Leyens hin: „Von Familie über Arbeit zum Krieg!“ Das „Frettchen aus Limburg“ wird kurz gestreift („Tebartz klingt wie Brotaufstrich.“).

Hassknecht bietet dem Publikum ein „autoaggressives Training“ an und lässt es sich in einem Brüllwettbewerb versuchen. Sein geschichtlicher Überblick über frühe Formen des Beschwerdebriefes greift bis auf Adam und Eva zurück. Schreiattacken gelten seinem Bäcker, dem TV-Programm („außer der Heute-Show“) und am lautesten seiner Ehefrau Renate.

Eine zwei Stunden lange Brüllerei würde auch ein Hassknecht nicht durchstehen. Deshalb sind die heftigsten Ergüsse als TV-Videos und Redepausenfüller eingestreut. Nun, groß ist er nicht dieser ZDF-Wutepinkel, das Ekelmonster, das ausflippende Rumpelstilzchen, der wütende Zinshahn ... Hassknecht macht Handy-Fotos vom Publikum in der ersten Reihe und droht, die Bilder auf facebook zu veröffentlichen. Um unmittelbar danach gegen das monströse soziale Netzwerk zu wettern und diesem sein eigenes hassbook entgegen zu setzen. Er bietet Apps an, das bedeutet: „Es ist appsolut alles möglich.“

Der Choleriker Hassknecht wirkt defätistisch und destruktiv; aber als Kabarettist ist Hans-Joachim Heist zielgerichteter Kommentator der erkannten Schwachstellen im Gebälk. Die totale Überwachung („is mir doch egal“ klingt nach Merkel) und lässt den Kabarettisten einen „Brief an Amerika“ schreiben: Der höfliche Beginn mit dem „Sehr geehrte Vereinigte Staaten“ führt am Ende zur Verdammnis, sie sollten endlich wieder britische Kolonie werden.

Die Kunstfigur aus dem ZDF hat längst Kultstatus erreicht. Wie eine einzelne Person sich dermaßen aufregen kann, bleibt am Ende unfassbar. Mitschreien: nein. Mithören: ja. Aber dass der Rezensent am Ende selbst das Gefühl hat, nach Anhörung dieser Hasstiraden in Heiserkeit zu enden ist fast unfassbar. Das Seesener Kulturforum hatte wieder einmal für sein Publikum eine gute Wahl getroffen. Hassknecht-Heist bedankt sich bei den Zuschauern, verspricht im Foyer bereitwillig Autogramme zu geben und jeder Empfänger dürfe ihn anschreien. Es werden dann sehr viele „Gernot und ich“-Fotos geschossen, die wahrscheinlich anschließend massenhaft bei facebook ihr Ziel finden werden.

Joachim Frassl

Antonio Mateo

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Nachricht vom 3.2.14 16:48

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