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Wilfried Schmickler beim Seesener Kulturforum

Wieder einmal war die Aula im Schulzentrum bis auf den letzten Platz gefüllt, denn das Seesener Kulturforum hatte den „Scharfrichter unter den deutschen Kabarettisten“, Wilfried Schmickler aus Köln eingeladen.
Der Kabarettist begrüßt das Publikum: „Willkommen beim Lieblingskulturforum!“ Er beginnt mit einer kurzen, gestisch unterstützen Witzrunde, währenddessen die möglichen Fotofans ihre Apparate nutzen dürfen.

Über deutsche Texte zu Radiomusik kommt Schmickler schnell zum „Verhören“ und landet aktuell bei den US-Verhörmethoden und dem NSA. Scharfzüngig zwar, aber auch in scharfem Tempo schleudert er seine Satire-Kaskaden ins Publikum. So bietet er – auch in der Vortragsweise – wahrlich keine leichte Kost. Das Lied „Ja, ich weiß es doch auch nicht“ ist in Seesen aktuelles Programm und begleitet in weiteren Strophen den Abend.

Kölsch-katholischer Klüngel einerseits und Salafisten andererseits sind wiederkehrende An-Eckpunkte des Satirikers: Er unterstellt, der Limburger Bischof a. D. würde die Zeitschrift „Schöner wohnen“ öfter aufschlagen als die Bibel. Die FDP war schon 2012 an gleicher Stelle – nach den Berliner Wahlen - Schmicklers Lieblingsziel; jetzt erst recht tönt er: „Sah ein Knab ein Röslein geh´n“.

Schmicklers lyrische Wortakrobatik ist anspruchsvoll, auch eingestreute Lesungen passieren in höllischem Tempo, pausenlos. Eine lange Leitung darf der Zuhörer nicht haben, sowohl bei den Antignostikern, als auch den Prognostikern und der Sinnsuche auf dem Heiligeistfeld. Wagnersche Stabreim-Zeilen versinken im prosaischen Vortrag. Die Polit-Piraten, die radikalen Protestwähler, Zwickauer NSU und wieder die Salafisten sind Thema, aber auch der Bundespräsident (Gauck als „protestantische Spaßbremse“ auf 62 Seiten in Büchlein-Format). Schmickler bietet sein neues Buch an: Dick, gebunden, mit Hunderten von weißen Seiten zum Selbstbau eigener Meinungen!

Nach der Pause geht es auch um „Mutti Merkel“ und „Möpsi Gabriel“, um die Fluchtkuh Yvonne, neben Bruno und Knud, und um das Themen-Zerreden in den „TV-Quatsch-Buden“. Schmickler mahnt „Gesprächskultur“ an und widmet in dem Zusammenhang sein nächstes Lied seinen Kollegen „Klaus Hubert, Heinrich Pachl, Dieter Hildebrandt und all den anderen!“ Das Lied transformiert sich in einen Rap, ehe es im „warte nur, balde ruhest auch du!“ zur eigenen Ruhe kommt.

Als Kabarettist muss Schmickler nicht tagespolitisch aktuell sein, denn als politischer Satiriker legt er den Finger in die Dauer-Wunden, gerissen durch Gier, Angst und Neid. Erst analysiert er, dann predigt er, dann singt er Balladen, dann parodiert er, dann überhäuft er das Publikum mit Definitionskettenneubegrifflichkeiten. Die Bühne ist sein Vortragsraum, das Publikum ist die Zuhörerschar. Interaktionen gibt es nicht, denn Schmickler ist Vortragender, Rezensent, Deklamierer, Leser, Sänger und Prediger, Prophet und Kassandrarufer. Die Mahnungen des Satirikers, so scharf sie auch sind, zwar auf die Fehler gerichtet, aber sie scheinen ewig und systemimmanent.

Ein faustisches Gedicht thematisiert die Gier und den Neid und den Hass und beendet die Wortaktionen des satirischen Scharfrichters Schmickler. Das Publikum beim Seesener Kulturforum hat die kunstvoll präparierten Scharfzüngigkeiten sehr wohl verstanden – wenn auch nicht Wort für Wort - und dankt begeistert mit viel Applaus.

Joachim Frassl

Antonio Mateo

Antonio Mateo

Antonio Mateo

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Antonio Mateo

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Nachricht vom 1.5.14 12:01

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