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Mathias Richling beim Seesener Kulturforum

Das Seesener Kulturforum hatte wieder einmal kabarettistische Spitzenklasse eingeladen: Mathias Richling versprach mit dem Titel „Deutschland to go“ kabarettistische Perspektiven auf „Migration“ im weitesten Sinne.

Die Bühne der Seesener Aula ist mit dicken, aufdringlich bunten Koffern vollgepackt. Die Farben Schwarz-Rot-Gold sind dabei offensichtlich des Schwaben Lieblingsfarben. Zu Mai-Grün kommen wir erst später. Blau hat zur Zeit abgegessen. „Dieses Deutschland ist zum Auswandern!“ Als ob hier Jedermann seine Koffer gepackt habe. Richling beklagt die totale „Reglementierung“.

Der Hektiker wuselt über die Bühne, in kurzen Schritten, ein bisschen Rumpelstilzchen und mit sprühendem Augenleuchten ein wenig wie die Schlange Kaa. Der Kabarettist fordert Demokratie und Selbstbestimmung, auch bei den Frauen, und ist postwendend bei den Mullahs: „Wie unsicher muss ich im Glauben sein, wenn mich eine kleine Mohammed-Karikatur so erschreckt!“ - Anstelle der psychischen Dauertests für Piloten fordert Richling solche für die Waffenlieferanten.
„Rede ich eigentlich zu schnell? - Man muss heute Abend nicht alles verstehen!“ Das beruhigt zwar den Rezensenten, meint aber mehr: nicht nur die Geschwindigkeit des Redeflusses, sondern auch die eingeschränkte Nachvollziehbarkeit der schwäbischen Gedankensprünge.

Die Koffer auf der Bühne in den Parteifarben sind Redepult für die Politprominenz. Das gibt Richling die Chance, seine parodistischen Fähigkeiten auszuspielen: Eine wenig sagende Bundeskanzlerin kommt über die Handhaltung und den vorgehängten Blazer rüber, Kauder hinter Schwarz bleibt echt farbloser, Steinmeier glänzt durch Nonsens-Logik, Karl Lauterbach mit Rotkreuzkoffer passt nicht so recht in ein aktuelles Kabarettprogramm. Restaurant-Tester Rach ist wieder eine sehr gelungene Parodie: „Champagner und Château Petrus geht doch nicht mit Königsberger Klopse!“ Das ist Grund für die SPD, eine Pommesbude zu fordern. Genscher steht für eine erinnerbare FDP, durch Richling in parodistischer Extraklasse präsentiert, aber auch hier nicht aktuell. Da ist dann noch der maigrüne Koffer, er steht logisch für die Grünen in Person von Cem Özdemir.
Meinungsforschung sei, so stellt der Kabarettist fest, in Deutschland unsinnig, da es keine eigene Meinung habe. Er selbst rede aber gerne darüber. Kein Wunder, dass das Publikum sprachlos bleiben muss.

Richling schwätzt pausenlos, die Fragezeichen bleiben rhetorische Zeichen. Pausenlos ist auch der Ablauf, sodass die Aulastühle dem Publikum Ausharrungsvermögen mit Sitzfleisch verordnen, eindreiviertel Stunden lang inclusive Zugaben. Trotzdem: Langweilig war dieser Abend keine Sekunde lang.

Das Programm war absurd komisch und tempogeladen. Funkensprühend und irrwitzig geistreich war, was der hektische schwäbische Kobold dem Publikum beim Seesener Kulturforum vortrug. Das Kabarett mit ihm war ein Genuss. Das Publikum beim Seesener Kulturforum dankte mit viel Applaus, Richling antwortete mit drei ausgesuchten Zugaben. Ein Highlight war das Altbundeskanzler-Gespräch zwischen Helmut Schmidt und Gerhard Schröder. Ich glaube, der Ältere der Beiden hatte am Ende das letzte Wort.

Joachim Frassl

Nachricht vom 27.4.15 17:27

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