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Alfons beim Seesener Kulturforum

Endlich wieder Kulturforum! Die neue Saison 2015/16 ist eröffnet. In der Seesener Aula gab sich Alfons, der Kulturreporter der ARD mit dem Puschelmikro, ein Stelldichein. Die Bühnenkulisse ist minimalistisch. Dem Ambiente kontrastiert das bunte Jogging-Outfit mit der orangeroten Trainingsjacke des kleinen Franzosen. Nein, er ist nicht klein; er macht sich nur kleiner, mit hängenden Schultern. Er stellt sich dem Publikum vor und fragt es danach kollektiv nach Beruf und Herkommen. Zuschauer aus Brest/Bretagne und Metz sind vertreten, auch ein Ingenieur, der hin und wieder in die Performance eingebunden wird.
Alfons ist zunächst ganz aktuell. Bezogen auf die Flüchtlingsdramen hebt er anerkennend hervor: Die letzten Wochen hätten ein „ganz tolles Bild von Deutschland“ gezeigt. Demgegenüber betont er aber auch das Bild von den kahlköpfigen „Idioten“. Einen Seitenhieb setzt er auf die „Ostländer“: „Wie schnell vergisst man, dass man selbst Flüchtling war!“

Eigentlich heißt der in Paris Geborene Emmanuel Peterfalvi und wohnt seit Jahren in Hamburg. Alfons ist sein kabarettistisches Alter Ego, aber seine auf der Bühne erzählte Lebensgeschichte ist erlebte Biographie. So heißt denn auch das Programm „Wiedersehen macht Freunde“. Seine Freunde, die er nach 20 Jahren wiedertreffen will, sind Gérôme (der Frauenküsser) und Jean-François (der schrecklich Vergessliche).

Alfons beginnt den Lebensrückblick bei seiner Geburt: „In Frankreich wird man alleine geboren!“ „Du bist noch neu!“ „Du musst dich integrieren!“ Aktualitäten klingen durch. Seine Vita unterbricht er durch eingespielte TV-Szenen des Reporters mit dem Puschelmikro: Über die Gleichberechtigung neben dem Kochtopf; der Bericht von der Hunde-Zuchtschau in Münster lässt ihn auch nach den Körpermaßen der interviewten „Deutschin“ fragen.

Archimedes, der „Menschenfresser und Clochard“ entpuppt sich für die drei Schulfreunde als lebensweiser Philosoph, Ratgeber und Freund. Schulausflüge, die in Frankreich niemanden interessieren, werden durch ihn zu Erlebnissen. Der Besuch bei einer Behörde ist „wie das Wort zum Sonntag in Spielfilmlänge!“ Da ist es spannender, was passiert, wenn drei Jungs im Rathaus unter dem Kronleuchter Fußball spielen. Die liebenswerte Welt des „Petit Nicolas“ von Goscinny und Sempé klingt immer wieder an, auch im schelmischen Lächeln von Alfons.

Deutsch-französische Vergleiche lassen schmunzeln. Sie bringen erfrischend neue Perspektiven auf die deutschen Tugenden. Der Schwere deutscher Gründlichkeit und Pünktlichkeit stellt Anfons die Leichtigkeit französischer Lebensperspektiven gegenüber. „In Frankreich jedenfalls hat jeder Fußballspieler einen Führerschein!“ Aha, da war doch was in Dortmund?

Auf der Bühne beim Seesener Kulturforum wird das Leben poetisch verklärt; dagegen sind die TV-Interviews in den deutschen Fußgängerzonen entlarvendes Straßen-Theater, das deutsches Volksempfinden durchleuchtet, das zwischen ahnungslos, borniert und bizarr spielt.

Alfons ist kein lauter Comedian, er will nicht verletzen. Sein liebenswertes und naives Herangehen an die Leute und die Probleme ist feine intellektuelle Theaterkunst. Sarkozy und Hollande bekommen Breitseiten, die Kleinen Leute in den Straßen dagegen ernten lächelndes Verstehen. Mit seinem Puschelmikro interviewt Alfons eine Gruppe deutscher Nacktwanderer. Das von ihnen postulierte „zurück zur Natur“ und zum Ursprünglichen bleibt jedoch durch das wegleitende Navi und den mitgenommenen Regenschirm belächelte Utopie. Das Notausgangsschild im Pariser Louvre ist Objekt einer Kunstbetrachtung. Der weise Clochard ist längst verschwunden, aber Alfons hat von ihm vieles geerbt. Die drei Freunde treffen sich nach 20 Jahren tatsächlich in der Marie des 13. Pariser Arrondissements. Das Fußballspiel unter dem Kronleuchter ist TV-bezeugte Wirklichkeit geworden.

Es war ein ausgesprochen schöner Kabarettabend. Das begeisterte Publikum beim Seesener Kulturforum hat wahrscheinlich etwas von der Weisheit des Archimedes und seiner copains mit nach Hause genommen.

Joachim Frassl

Antonio Mateo

Antonio Mateo

Antonio Mateo

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Antonio Mateo

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Antonio Mateo

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Nachricht vom 16.9.15 18:18

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