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Fatih Cevikkollu in Seesen: Feinsinnig vom Feinsten für ein handeverlesenes Publikum

Dass der Künstler mit dem unaussprechlichem Namen beim Anblick der knapp 100, in Worten : hundert Gästen in der diskret renovierten Aula des Schulzentrums nicht sofort beim Anblick der dürftigen Resonanz kehrt machte, war für mich schon das erste Highlight.

Die souveräne Art und Weise, sofort präsent zu sein, das Publikum "emfatihsch" mit einzubeziehen und alle zugespielten Wortbälle genialwitzig als Steilvorlagen zu verwerten, zauberte sofort das genussgewisse Lächeln hervor, wie es mir beim Kulturforum immer ergangen ist: falls es vorkommt,dass relativ unbekannte Namen präsentiert werden, steckt immer Klasse dahinter, vom Feinsten halt. Natürlich werden fast zu häufig medienbekannte Kassenfüller präsentiert, beim bekannt erlesenen Geschmack der Kulturforumenthusiasten darf das ja auch mal sein, zumal der Mut zum nicht so ganz Bekannten häufig, gelinde gesagt, nur moderat honoriert wird. Und Fatih hat gehalten was das K-Forum verspricht: Superqualität auch bei Künstlern, deren Name noch nicht schon durch allzuhäufige Fernsehauftritte etwas plattgetreten ist. Fängt der doch glatt mit einem lupenreinen Rap über Schein und Sein an, um sich dann vorzustellen. Sagt seinen Namen und beruhigt uns, indem er gleich die deutsche Fassung hinzufügt. Klingt natürlich genauso wie die türkische, und da ist es schon, sein unwiderstehliches schelmische Lächeln, das wir an diesem Abend noch häufig geniessen dürfen, speziell wenn er uns gekonnt aufs moralisch-ethische Vorurteilsglatteis führt. So gibt er freimütig zu, "das hier" nur zu machen, um geliebt zu werden. Was man denn hier so mache um geliebt werden. Beim Kuchenbacken hakt er ein: wenn gar nichts mehr gehe.......

Am einfachsten sei es doch, sich für den Geliebtwerdenzweck doch einen Hund anzuschaffen. Sehr bissig, der Hundehalterausflug, aber es sei da doch auch schon einiges besser geworden, jetzt sei, rein rechtlich, nicht mehr der Hund schuldig, sondern der Halter. Bevor wir aber gemeinsam die "Emfatih" erörtern, um uns dann ebenfalls gemeinsam besser fühlen zu können, müsse noch kurz das Pflichtprogramm, gemeint war da die Politik, abgearbeitet werden. Da bekommt jeder sein (berechtigtes!) Fett ab, selbstverständlich auf subtilaggressive Weise. Nun sind sie drin, und auch noch zweistellig, und alle dachten an die Rechten. Aber weit gefehlt (oder knapp daneben?), die FDP war gemeint und als Erster wurde Christian Lindner bedacht, was der denn noch anderes könne als auf Fotos wegkucken. Die Inhaltlosigkeit des Wahlkampfes wurde uns lachsalventrächtig vor Augen und Ohren geführt. Wer die FDP wegen Christian Lindner wähle, wähle auch die Piraten wegen Jonny Depp. Und die SPD, wenn man sich die Plakate anschaute, müsse man fragen: "sagt mal, wollt ihr nicht gewinnen?" Und dann haben wir auch noch die Rassisten im Bundestag, denen fehlt natürlich die Empathie. Von der Politik dann ein gekonnter Schwenk nach Köln, zu mäßig empathischen Mitarbeiter/innen auf dem Amt, mit denen er, obwohl in Kölle geboren und aufgewachsen, auch so seine einschlägigen Erfahrungen hat. Als das Publikum sich aber offenbar genierte, ihm zu beschreiben was denn eine typische türkische Mami sei, muss er nachhelfen. Das Bild von dem grossen grauen Zelt mit Kopftuch, das von mindestens 4 kindlichen Satelliten, die perfekt Deutsch sprechen, umschwirrt wird, passt gar zu typisch, um nicht beschmunzelt zu werden. Auch seine eigenen Erfahrungen mit der deutschen Bürokratie und verschiedenen Reaktionsmöglichkeiten auf eine überforderte, laut und artikuliert Deutsch brüllende Angestellte ist so grotesk passend, dass man sich das Lachen wie so häufig an diesem Abend wieder nicht verkneifen kann. Geht ja auch auf Kosten anderer Leute, da lachts sich doch am besten. Das Kölner Lokalkolorit wird versteckt kritisch am Beispiel der überteuerten Rheintreppe, die zu reinigen 600.000 € pro Jahr kostet, vorgeführt . Hier müssen vor allem die Schwaben und die Leute aus dem Nachbardorf ( natürlich Düsseldorf). Im besten Kölnisch-kollern: dat mach isch euch für de Hälfte. Hier sei angemerkt, dass das kölnische "L" sich der Schriftsprache entzieht. Am besten kann es mit um die Längsachse gedrehter Zunge imitiert werden.

Es fehlt auch nicht der Hinweis auf die exotischen Ladenbesitzer, die den Deutschen Urlaubsgefühle dadurch vermitteln, dass sie ihre perfekten Deutschkenntnisse bewusst verheimlichen. Gleich wird auch das politisch korrekte Lachen gelobt, das eigentlich gar nicht gelacht werden darf, deshalb auch nur gemurmelt wird. Ja, er zeigt uns immer wieder, sehr charmant, aber auch unerbittlich den Spiegel, in dem wir uns erschrocken als potentiell fremdenreserviert erkennen. Aber auch darüber darf gelacht werden, denn das sei die schönste Form des Kontrollverlustes. Womit er recht hat. Komm, lass es raus, hier, beim besten Kabarettisten. Einem waschechten Kölner. Das sind nämlich die Geilsten. Haben einen weiblichen O.B. Ja, die weibliche Form von der Oberbürgermeisterabkürzung. Tatsächlich ist doch eine Frohnatur aus dem Publikum in die Falle getappt und hat die Tampons zur Sprache und alle ob des sich entspinnenden Disputes zum Lachen gebracht. Nun darf aber auch mal was Kritisches gesagt werden. Die Kritik an der Medienrezeption des Kölner Sylvesterausrutschers, erinnern Sie sich? Es sei versucht worden, das ganze auf die rassistische Schiene zu schieben und so der Sexismus hintangestellt worden. Damit würden die weißen Vergewaltiger geschont. Sehe ich nicht so. Wobei ich mir bewußt bin, somit in sämtliche Fettnäpfekens zu treten, die um dieses Thema herum aufgestellt sind. Es war trotzdem eine Nordafrikagang zugegen. Auch Ballermänner sind z.B. hauptsächlich deutsche Urlauber. Aber zurück zum Spass, der wurde uns ja vesprochen, und das Versprechen wurde auch gehalten. Auf meisterhafte Weise wurde der Seiltanz zwischen Spass und political correctness vorgeführt, und oft genug voll p.c. gelacht. Trump kam natürlich auch dran. Fälschlicherweise hat Fatih ihn als dumm bezeichnet und hofft, der Nuklearcode möge mehr als 140 Zeichen haben. Gleich hat er aber das mit der Dummheit des Genannnten insofern korrigiert, dass er ihn für gefährlich hält. Das ist natürlich richtig, aber leider nicht witzig. Kabarett brauche halt starke Bilder.
Die hat Fatih natürlch auch drauf. Selbst die supergute schauspielerische Ausbildung an der Ernst Busch Akademie in Berlin hat seinem Talent nicht geschadet. Die Mimik, die Sprache, der Ausdruck, ja, auch das war ein Genuss. Wie er seiner Tochter den Aufmarsch von rechtsradikalen Hooligans als Fußballfans erklärt, um die Bedrohlichkeit zu verbergen. Dann gleich wieder der Spiegel : zwei Witze. Darf man über Moslems Witze machen? Verhaltenes Gemurmel, ja eigentlich schon, über Christen? Klar, wir sind ja schon etwas weiter weg vom Mittelalter. Die wirklich witzigen Witze übersteigen aber den Rahmen dieses Reportes.
Gegen Ende des Abends der Bericht des gemeinsamen Kinobesuches mit seiner 10jährigen Tochter, die mit ihm unbedingt den Pferdefilm Ostwind anschauen wollte. Wie er seiner Tochter klar macht, dass ein Pferd mangels Heu nicht in die Wohnung passt, das wirklich rührende Filmende, wie er zunächst tapfer das Weinen überspielt, unterdrückt, in Lachen umwandelt um dann schließlich doch in Tränen auszubrechen. Von ganz hinten war seine Mimik vielleicht nicht zu erkennen, da ich aus Altersgründen vorne sitzen durfte, konnte ich diese sehr spassige Szene aus nächster Nähe beobachten - der Mann versteht sein Handwerk ! Alle, die an diesem Abend nicht da sein konnten, haben mein volles, emfatihsches Mitleid.

Gerd Weigel

Antonio Mateo

Antonio Mateo

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Nachricht vom 2.11.17 19:06

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