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Der Rattenfänger von Seesen

Lutz Görner spricht, singt, brüllt und tanzt Robert Gernhardt im Seesener Kulturforum! Lasst euch nicht verarschen!, empfahl vor nicht allzu langer Zeit in werbewirksamer Form ein bekannter Konzern. Dass Verarschen jedoch zum Einen eine höchst erquickliche Angelegenheit für die Zuschauenden sein kann und zum Anderen ganz und gar nicht mit jener Kulturferne einhergehen muss, wie sie uns in medialer Form in jenen bunten zehnminütigen Unterbrechungen unseres Fernsehprogramms entgegen springt, das demonstrierte am Mittwoch auf der Bühne des Seesener Kulturforums sehr eindrucksvoll Lutz Görner – im Gepäck seinen kongenialen Gedichtlieferanten Robert Gernhardt.

Als diese Bühne noch gemeinsam mit dem Seesener Publikum dem Auftritt Görners, der als bekanntester Rezitator deutscher Sprache gilt, und seines musikalischen Konterparts Stephan Schleiners harrte, war bereits einiges davon zu erahnen, was die Gäste des Kulturforums an diesem Abend erwarten würde. Ein E-Piano sowie ein Tisch mit allerlei verschiedenartigsten Requisiten gemeinsam mit der Ankündigung auf dem Plakat Lutz Görner spricht, singt, brüllt und tanzt Robert Gernhardt versprachen einen Abend, an dem den Texten des durch seine satirisch-bissigen Artikel im Magazin Titanic und seine pointiert-komische Lyrik in der Nachfahrenschaft Wilhelm Buschs gleichermaßen bekannt gewordenen Autors auf eine ganz spezielle Art Leben eingehaucht werden sollte. Doch der in Aktion getretene Görner hauchte nicht nur – er stampfte, schwieg, röchelte, schrie und tobte den Texten Leben ein. Ob nun als das berühmte nach seinem literarischen Schöpfer befragte Stachelschwein (Danach befragt schweigt's erst, dann spricht's: Vom Gernhardt? Tscha – so gut wie nichts.), als trunksüchtiger Dichter (Seht sie an, die Meise, trinkt sie, baut sie scheiße. Seht ihn an, den Dichter, trinkt er, wird er schlichter.) oder als Opfer des Geist-Seele-Dualismus', das sich selbst auf den Grund seiner Seele schauen möchte (In mir da muss was sein ... Stille. Ein weiteres Horchen. Stille. Noch ein Horchversuch. Resigniertes Achselnzucken. Ich hör nur hacks und hicks - In mir da is wohl nix ...). Das goetheeske an Gernhardt, nämlich die Tatsache, dass er kaum ein Thema beim Dichten ausgelassen hat, bot Görner die Möglichkeit, als virtuoser Verwandlungskünstler zwischen den Zeilen, den Texten hin und herzuspringen, ohne die Gäste des Seesener Kulturforums dadurch zu verwirren. Vielmehr riss er jeden mit in den Fluss seiner Worte und Gesten. Das Verarschen in jeglicher Form der gewitzten satirischen Betrachtung durchzog dabei wie ein roter Faden das Programm, in dem sich immer wieder jene Ernstmacher und Spaßmacher der Literatur-, Musik- aber auch der gelebten Geschichte im rezitierenden Spiel Görners, im musikalischen Spiel Schleiners und im literarischen Spiel Gernhardts begegneten. Die vier Verarschungen selbst, in denen Napoleon, ein Offizier, ein Kaiser und ein Inquisitor dem Spott preisgegeben wurden, nannten das schalkhafte Tun beim Namen, dennoch gingen Gernhardt / Görner / Schleiner weit darüber hinaus und verarschten kreuz und quer durch die Kulturgeschichte wie durch sämtliche Spielarten des Niveaus gekonnt eine Reihe europäischer Geistesgrößen: Ob nun die Strindbergs tragisch im Meer ersaufen, Hypothesen über Brechts Liebhaberqualitäten aufgestellt werden (Man soll doch von den Klassikern lernen, nicht wahr?) oder die Schönheit von Schönbergs Klängen auf dem Prüfstand steht (Merken sie was? Wenn man's öfter hört, kommt's einem bekannt vor!) - das nur zum Teil leibhaftig vorhandene Trio machte zum Glück vor nichts halt. Spaßer gieren rattenhaft nach dem Unsinn, so ließ es schon Gernhardt in seiner Ode Spaßmacher – Ernstmacher die Ernstmacher diagnostizieren. Und Görner, dieser Prophet Gernhardtschen Unsinns, dieser Rattenfänger von Seesen, brauchte nicht lange zu locken, bis das Seesener Publikum ihm und den Melodien Schleiners, entstammend den so genannten Gernhardt-Variationen, anstandslos und voller Gier nach weiterem Unsinn folgte.

So war es schließlich auch kein Wunder, dass die Bühne nach dem offiziellen Ende des Programms noch lange nicht zur unsinnsfreien Zone erklärt werden konnte – die Seesener Ratten protestierten mit lautem Applaus gegen Görners Feierabend. Dass der Rezitator diesen schließlich doch noch in Anspruch nehmen konnte, lag einzig und allein daran, dass er sich eines einfachen, aber sehr effektiven Mittels bediente: der Publikumsbeschimpfung. Den von Lachanfällen geschüttelten Gästen des Kulturforums warf er an den Kopf Sie wissen aber schon, dass sie nicht vorm Fernseher sitzen!?, Wenn sie sterben wollen, gehen sie doch bitte raus. und Nee, auf diese Weise mache der Beruf ja auch keinen Spaß mehr. Seesen glaubte Görner kein Wort, dennoch ließen sie ihn irgendwann unter großem Applaus gehen. Womit wir wieder bei den Ernstmachern Gernhardts waren. Denn die orakelten bereits: Lachen ist Lust, aber jeder Spaß endet.

Dana Braunert

Hier bereits die ersten Fotos vom Abend (weitere 80 Bilder folgen in Kürze!) ...

Lutz Görner zu Gast in Seesen beim Seesener Kulturforum

Lutz Görner zu Gast in Seesen beim Seesener Kulturforum

Lutz Görner zu Gast in Seesen beim Seesener Kulturforum

Lutz Görner zu Gast in Seesen beim Seesener Kulturforum

Lutz Görner zu Gast in Seesen beim Seesener Kulturforum

Lutz Görner zu Gast in Seesen beim Seesener Kulturforum

Lutz Görner zu Gast in Seesen beim Seesener Kulturforum

Lutz Görner zu Gast in Seesen beim Seesener Kulturforum

Lutz Görner zu Gast in Seesen beim Seesener Kulturforum

Lutz Görner zu Gast in Seesen beim Seesener Kulturforum

Lutz Görner zu Gast in Seesen beim Seesener Kulturforum

Lutz Görner zu Gast in Seesen beim Seesener Kulturforum

Fotos: Antonio Mateo / Jana Nickel

Alle Bilder des Abends finden Sie hier: Lutz Görner und Stephan Schleiner

Nachricht vom 9.1.08 16:59

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