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Roger Willemsen beim Seesener Kulturforum!

Roger Willemsen, auf der Durchreise von Mannheim nach Köln, machte für gut zwei Stunden Halt beim Seesener Kulturforum. Er hatte Karl May im Gepäck, nicht den ganzen, aber von 70 Bänden immerhin 13. Das ist Teil seines Buches Ein Schuss, ein Schrei - Das Meiste von Karl May. Anna und Ines Walachowski, die schönste Hinterlassenschaft Polens seit den Zwillingsbrüdern Kaczynski, füllten die Pausen zwischen den einzelnen Bänden vierhändig an zwei Steinway-Flügeln.

Foto: Roger Willemsen beim Seesener Kulturforum

Roger Willemsen, im dunklen Nadelstreifenanzug, aber ohne Krawatte, verkörpert so Seriosität und sprachlich anspruchsvollen Witz, gepaart mit Trivialitäten: Dieser Geist bringt Poesie / In die Steppe der Prärie. Willemsen verspricht Korrespondenzen zwischen Musik und gelesenem Text.

Foto: Roger Willemsen beim Seesener Kulturforum

Er führt die Seesener mittels Karl May weg in die Welt. In der Wüste beginnt die Tour. Er illustriert: Man stelle sich die Wüsten vor / Mit ihrem Sandpapierdekor. Hier klingt zum ersten Mal Wilhelm Busch an, obwohl dieser den Abend über unerwähnt bleibt. Band 1 bis 6 der May-Werke werden durch immer wieder ungenannte, weil unbekannte vierhändige Klavierliteratur unterbrochen, Chopin klingt durch, logisch bei zwei Polinnen an den Tasten.

Foto: Roger Willemsen beim Seesener Kulturforum

Willemsen würzt die gewaltige Literatour durch den Balkan mit Slivovitz, Tassen voll Kefir und giftigem Cevapcici. Es ist die Kunst der hohen Sprache um Trivialliteratur, spannungsgeladen, weil es sich immer wieder so schön und unerwartet reimt. In knapperer Form ist wohl noch nie Weltliteratur rezensiert und ausgewertet worden: Der Feind ist tot heißt: Happyend!

Nach den Wüstenabenteuern geht es in die neue Welt. Die Zuschauer beim Seesener Kulturforum warten jetzt eigentlich auf die Korrespondenzen, vielleicht von Aaron Copland, vielleicht durch Gershwin? Aber die Musik bleibt Pausenfüller. Winnetou, Band 1 - 3 sind das Thema. Winnetou erscheint als Spiegelbild von Pierre Brice. Jener liebte einst Ribanna / Nur noch um sie trauern kann er. Die Geschichte kommt in Bewegung, wir hören von Winne One and Winne Two und im dritten, dem Schlussteil, ist klar, wie so was endet: Dort wo keine Grille zirpt / Weiß man: Winnetou verstirbt. Genialer, als dies hier Willemsen tut, kann man keine Trivial-Plattitüde in distanzierende Poesie versetzen.

Foto: Roger Willemsen beim Seesener Kulturforum

Im zweiten Teil des Abends führt Willemsen das Publikum auf Schatzsuche in die Kordilleren. Ein dickes Buch wird auch hier recht kurz erfasst: Muss der Schätzesucher warten / Liegt es meistens an den Karten. Hierin verbirgt sich große, unumstößliche Weisheit, von höherer Warte, von Bergeshöhen: Ist nicht auch der Weltenlenker / Eine Art von Luis Trenker?. Der Sohn des Bärenjägers ist Thema und man lernt: Die Besten aus dem Westen / Waren so wie Charlton Heston. Die Beschreibung der Flucht aus Der Sklavenkarawane gerät zu einer illustrativen Comic-Sequenz. In Der blaurote Methusalem verschmelzen Weltliteratur und Triviales mit künstlerischer Würze, die sich reimt. Dabei bleibt dies wohl eher der schwächere Part von den 13 Büchern. Zum Finale heißt es Weihnacht im Wilden Westen, Besinnung, während am Feuer ein Shatter-Hendl brät.

Foto: Roger Willemsen beim Seesener Kulturforum

Natürlich gibt es eine Zugabe, die von 1200 Original-May-Seiten radikalst auf Willemsen-Format gekürzt wird, und - zugegeben - Brahms´ 5. ungarischer Tanz bleibt in Erinnerung.
Bericht: Joachim Frassl
Fotos: Antonio Mateo


Weitere Fotos:

Foto: Roger Willemsen beim Seesener Kulturforum

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Foto: Roger Willemsen beim Seesener Kulturforum

Foto: Roger Willemsen beim Seesener Kulturforum

Foto: Roger Willemsen beim Seesener Kulturforum

Foto: Roger Willemsen beim Seesener Kulturforum

Foto: Roger Willemsen beim Seesener Kulturforum
Fotos: Antonio Mateo

Alle Bilder des Abends folgen in Kürze.

Nachricht vom 1.3.08 15:20

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