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Dieter Hildebrandt und die klassische Musik

Dieter Hildebrandt betritt verspätet die Bühne beim Seesener Kulturforum, die Musik spielt bereits: klassisch, ganz ruhiger Dreivierteltakt. „Das dacht ich mir!“ poltert er dazwischen, „Das hier ist doch kein Comedianstall hier!“ Der Kabarettist will offensichtlich die erste Geige spielen und schickt in autoritärer Manier die Musiker vom Parkett. Bei Dieter Hildebrandt ist erst mal aktuelles Kabarett angesagt: „Ein Schwarzer im Weißen Haus! - Wenn der nun noch eine Frau wäre!“ Merkel ist im Spiel; die Gedankensprünge sind schlagartig und schlagfertig und am Ende oft unausgesprochen. Parallel zu Reich-Ranicki wird über U- und E-Musik nachgedacht. Hildebrandt sieht daneben noch die Oi-Musik, und Ü-Musik heißt: überflüssige Musik. Erst nach diesem Prolog sind die Musiker wieder Teil des Programms, bereitwillig oder auch schmollend.
„Vorsicht Klassik“ ist angesagt.

Die sechs Philharmonischen Cellisten stellen sich dem permanenten Besserwissen des Kabarett-Altmeisters. Aber kann das gut gehen? Kabarett plus E-Musik? Vorweg sei schon gesagt: Es wird kein Unterhaltungsabend aus der Summe von Einzelheiten. Während Hildebrandt die feine Art des Kabaretts in der Form des abgebrochen Gesagten pflegt und Inhalte in überzeugende Kurzformen drückt, zeigen sich die Musiker als klassisches Phrasenensemble, das in ökonomisch gut verdaulichen Kurzformen, Überlappungen, Umdichtungen und musikalischen Dreistigkeiten die Höhen der Kultur auf normales Konsumentenmaß kabarettistisch zusammenstaucht: Die anfänglich von nur vier Cellisten gespielte „Überbrückungsmusik“ von Paul Hindemith heißt „Die zwei lustigen Mistfinken“ klingt auch so: Die Celli vergreifen sich in höchsten Distönen (Harmonie ist nur zu ahnen); Hildebrandts Kommentar: „War doch gar nicht so schlecht; immer knapp an der Kunst vorbei!“
Hildebrandt ist in den zwischendurch gestrickten Konferencen geschickter kabarettistischer Plauderer, wenn er zum Beispiel vom Bahn-Chef Mehdorn zum Titel „Die kleine Lokomotive“ führt: Das lärmende Dampflok-Gemälde lässt zwischen den Pleuelstangen „Stille Nacht“ durchklingen, als Zitat auch für unmusikalische Ohren. Das „Nocturne“ von Frederic Chopin für Klavier geschrieben ist - nachdem Dieter Hildebrandt wieder einmal unterbrochen hat - 12-händig auf sechs Celli umso schneller fertig. Eine „Denke“, eine „Staune“ eine „Stutze“ sind dann wieder Hildebrandts Töne zum BamS-Schriftsteller Peter Hahne und zum Papstbesuch des fränkischen Protestanten Beckstein. Nun gut: Manches bei Hildebrandt ist auch eine „Lese“; aber gut vorgetragen, merkt man das kaum. Zum Schluss gönnt sich der Kabarettist eine „Schweige“, damit Haydn mit südamerikanischen Saitensprüngen aktualisiert werden kann, hier als Tango - oder als Ton-Sabotage, weil die parallelen Tiefen der Celli die Bühnen-Mikros überfordern, wird „unplugged“ weitergespielt.

National-Hymnen, Politik und rote Teppiche abschreiten - der 80-jährige Grandseigneur des deutschen Kabaretts tanzt es vor: wie Schröder „noch des Regierens mächtig“ es tat, „Kohl rollt!“ und „Merkel läuft noch nicht ganz rund.“ Der epo-chale 100-m-Sprint in Peking klingt nach Doping, die deutsche Hymne wird auf die Länge eines Hammerwurfs gestutzt und die englische endet im Ringelreihen.

Kabarettist und Musiker reagieren teilweise spontan aufeinander und sind im Wechsel erheitert über neue Komik-Einfälle. Ein Regentropfen-Prelude mit Schirm und musikalischem Charme, eine Seite lang Bildzeitungsvertonung in Anklängen an „Peter und der Wolf“, mit Tango, Dr. Schivago und „Tea for Two“ sind Highlights auf dem Weg zum „kleinen Kabarett für zwei Violoncellisten“ auf einem Stuhl und einem Cello, vierhändig und zweibögig! Zum Schluss wird das Neujahrskonzert in einem Rekordversuch in einer Zeit „unter drei Minuten“ gespielt.

Da dauern die Applaus-Ovationen des begeisterten Publikums und die Zugaben der Künstler wesentlich länger. Es war jedenfalls eine Ü-Veranstaltung beim Seesener Kulturforum: in jeder Hinsicht überzeugend.
Joachim Frassl

Fotos:

Seesen Dieter Hildebrandt und die Philamonischen Cellisten

Seesen Dieter Hildebrandt und die Philamonischen Cellisten

Seesen Dieter Hildebrandt und die Philamonischen Cellisten

Seesen Dieter Hildebrandt und die Philamonischen Cellisten

Seesen Dieter Hildebrandt und die Philamonischen Cellisten

Seesen Dieter Hildebrandt und die Philamonischen Cellisten

Seesen Dieter Hildebrandt und die Philamonischen Cellisten

Seesen Dieter Hildebrandt und die Philamonischen Cellisten

Seesen Dieter Hildebrandt und die Philamonischen Cellisten

Seesen Dieter Hildebrandt und die Philamonischen Cellisten

Seesen Dieter Hildebrandt und die Philamonischen Cellisten

Seesen Dieter Hildebrandt und die Philamonischen Cellisten

Seesen Dieter Hildebrandt und die Philamonischen Cellisten


Fotos: Antonio Mateo

Nachricht vom 8.11.08 19:43

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