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Bodo Wartke, Noah, Tiere und Frauen

Bodo Wartke, sprachspielender Pianist und Liedermacher, war jetzt zum zweiten Mal zu Gast beim Seesener Kulturforum. Sein Programm hieß, weil ein "Titel" werbewirksamer sei: "Noah war ein Archetyp". Eigentlich singe er in Seesen "Lieder, die heißen wie Frauen". Durchgängige Ironie des Konzertabends: Was am Ende in den Liedern bleibt, sind die Namen der Verflossenen, wenn sie denn gut reimbar sind. Bei "Andrea" und "Claudia" gibt es in dieser Beziehung jedenfalls keine Probleme, "Verena" ist da ein wesentlich schwierigerer Fall. Der schwarze Anzug mit scharfkantigen Bügelfalten und das knallgelbe Hemd seien keine politische Aussage, auch nicht Ausdruck für eine Beziehung zu einem Dortmunder Fußballverein.

Wartke hat offensichtlich eine große Fangemeinde im Saal; sie lässt sich klatschend rhythmisch einbeziehen, während er sein Eröffnungsspiel mit steppendem Fußstampfen erweitert. Sein folgendes Lied auf "Andrea" wird ein kurzversiger Minnegesang. Wartke bleibt im Mittelalter, seine Plaudereien über "einfallende Horden" sind vielfältig "einfältig". Sein Gedichtzyklus über "Die Arche" wird zum Reimtest für das Publikum, auch für schwierige Situationen. Am Ende hat es beim "Geweih so wellich" seinen "Ellich-Test" bestanden.

Die boshaften Sprach-Reim-Biegereien mögen im Alltagsleben als schreckliche Kalauerketten empfunden werden, nicht so, wenn Bodo Wartke sie rhythmisch und tempogeladen am Klavier verpackt. Manchmal schimmert der Schalk eines Heinz Erhardt durch, dann ist da plötzlich so ein déja vue von Blödelbarderei à la Insterburg, dann wieder abgrundtiefschwarze Erinnerungen an den Altmeister Georg Kreisler.

Spaß an der Sprache und ironisches Selbstbelächeln sind für Bodo Wartke die wichtigsten Zutaten für den Liederabend, nicht nur in der Musik, sondern auch in den Plaudereien zwischendurch. Seine Sprachspielereien geraten zu bandwurmhaften Reimorgien und zeugen gereimte Zeilensprünge, komisch, weil unvermittelt und doch erwartbar. Musikalisch mischt Wartke respektlos das "Rondo alla Turca" mit rollendem Boogie-Woogie (Mozart hätte an solchem seine Freude an sich); auch die alten britischen Pilzköpfe hätten sich im Lied "Hey Judith" irgendwie wiedergefunden. Das Publikum erhält in einer Kurzvorlesung tiefgründige Einblicke in den urdemokratischen Charakter der Zwölftonmusik ("Dodekakakophonie" -- will heißen: Zwölf-Schlecht-Tönerei) in der Addierung vereinzelter Töne und ihrer Vereinigung im Monster-Cluster. Das Publikum durchschaut die Reimstrukturen, wie auch die tragisch
endenden roten Fäden der Ex-Liebeslieder. Frage: Wie lautet der Endreim zum "ich vermiss dich"?

Die Zuschauer beim Seesener Kulturforum danken mit kräftigem Applaus, die Fans feiern ihren Bodo mit standing ovations und der Künstler selbst sendet noch drei Wartke-Ohrwürmer ("Ja, Schatz") als Pralinees in das Auditorium.

Joachim Frassl

Foto Antonio Mateo

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Foto Antonio Mateo
Fotos: Antonio Mateo

Nachricht vom 20.3.10 10:14

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