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Joja Wendt, Seesener Kulturforum und Steinway Spezial

Trotz Schnee und Kälte scheinen außergewöhnlich viele Auswärtsgäste zum „Seesener Kulturforum“ angereist zu sein, um den Magier der Tasten, Joja Wendt, in der Steinway-Stadt live zu erleben. Steinways nach Seesen tragen ist wie Eulen nach Dingsda. Warum bringt Joja Wendt seinen eigenen Flügel mit? Warum spielt er immer die Titel der Welt-Klaviatur, die sowieso jeder kennt, die aber trotzdem absolut neu und individuell gewendtet erscheinen? Wie spielt er zweihändig Klavier, wo doch einst Marek und Vacek dafür vier Hände brauchten? Wie erlebt man Joja Wendt live und ist gleichzeitig über Riesenmonitor im Bilde? Die Verantwortlichen des „Seesener Kulturforums“ jedenfalls wussten vorab, dass das ein erinnerungsreicher Abend der Spitzenklasse werden würde.

Ein Riesenmonitor (in historistischem Gold-Stuck-Rahmen) vermittelt Backstage-Perspektiven: Die seitliche Tastenkamera ermöglicht so dem Publikum Blicke auf die Klavierspieler-Hände. Im ersten Titel schon – hat er überhaupt einen? - reißt Joja Wendt die Saiten des Flügels manuell an, pointierte Fußstampfer setzen Bühnen-Spotlights, die Hände behauen die Tasten im Sinne einer Toccata, die über 88 Tasten und in einem Potpourri durch die Zeiten eilen. Joja präsentiert „Das Beste am Klavier“, und das in Seesen, dem Ort, wo Steinway begann! Er führt in die Genres der Musik ein; das sind Jazz, Boogie und Klassik, die er jeweils in Trilogieform anbietet: Arthur „Art“ Tatum, Teddy Wilson und Oscar Peterson vereint er stilistisch variierend am Jazz-Piano. Den Boogie-Woogie holt er aus der Carnegie Hall des Jahres 1938, wo zum Schluss drei Boogie-Pianisten gemeinsam spielten. In Seesen ist Joja Wendt der Einzelvirtuose. Die „klassischen“ Carmen-Variationen von Vladimir Horovitz tituliert er als „schwierig“ und habe deshalb – extra für Seesen – drei Jahre dafür geübt.

Joja plaudert aus der Kindheit, erinnert an Alexander Scriabin und erläutert die Aspekte der Synästhesie und wie die einzelnen Tonarten jeweils eine andere Klangfarbe haben („Wenn ich üben musste, habe ich rot gesehen“). Zigeunerklänge bei Lagerfeuer-Bühnenlicht; die feurige Musik lässt eine Basssaite reißen. (Auch das ist für Seesen eine Neuheit!) Paul Desmonds „Take Five“ wird neu verarbeitet. Die Fahrt des 18-jährigen Joja im alten VW-Bus nach Italien illustriert ein – mehr oder weniger – rollender Boogie, je nach Zustand der Zylinder. Der hydraulisch bewegte Steinway legt sich in die Kurven oder illustriert die motorische Schwerstarbeit auf den Alpenpässen sich erhebend oder bergab sich senkend beschleunigend. Der Flügel wird zum musikalischen Pegasus, zum Musenross.

Joja Wendt ist alles: Gaukler, Magier, Virtuos, Plauderer, Schalk, Spieler und Ausreizer des doch Möglichen. Etwas „wirklich Schwieriges“– so betont er – sei dann Gershwins „Rhapsody in Blue“, schwierig akrobatisch ergänzen Turneinlagen, rücklings das Klavier begreifend, das Thema, ehe auch dies teilweise im Boogie abrollt. Die Zuschauer sind „In the Mood“ und werden zu Mitmachern, Walter und Sigrid mit klingenden Gläserterzen, Klaus ist sowieso schon zu Beginn als Jackenhalter eingeteilt, das Publikum singt komische „rumänische“ Texte, die sich bei Rückwärtsprojektion plötzlich als Beethovens 9. „Freude“ entpuppen.

Finale und Fazit und noch einmal etwas zur „Synästhesie“: Augen- und Ohrenfreude zwischen Musik, Klang und Illustration, Spiel zwischen Ernst, Witz und (Selbst-) Ironie in Ehrfurcht vor den Großen der Musikgeschichte, virtuose Fingerspitzentänze neben behutsamen Fäusten pentatonisch auf den schwarzen Tasten („Eskimo“), sportliche Bewegungen und und und. Werden Boogie-Pianisten häufig als die Grobhandwerker der Klaviertastaturen erlebt, gleitet Joja Wendt locker und unangestrengt über die Tasten. Trotzdem: Auch für ihn ist diese Arbeit manchmal ein wenig schweißtreibend.
Die Zeit verging viel zu schnell wie im „Hummelflug“. Am Ende steigt Rauch auf aus den Saitenlagen. Ob das Steinway-Geflügel Feuer gefangen hat? Auf jeden Fall brennt das Publikum beim Seesener Kulturforum auf Zugaben und dankt Joja Wendt immer wieder mit stehenden Ovationen.

Joachim Frassl

Foto:Antonio Mateo

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Foto:Antonio Mateo

Foto:Antonio Mateo

Foto:Antonio Mateo

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Foto:Antonio Mateo

Foto:Antonio Mateo

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Fotos: Antonio Mateo

Nachricht vom 4.12.10 20:30

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