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Kabarett beim Seesener Kulturforum mit dem 1. Deutschen Zwangsensemble

„Die letzte Tour“ führte die drei Kabarettisten des 1. Deutschen Zwangsensembles jetzt glücklicherweise auch über Seesen, wohin Claus von Wagner, Philipp Weber und Mathias Tretter der Einladung des Seesener Kulturforums gefolgt waren. Sie bewiesen erneut: Ensemble-Kabarett ist auch zu Zeiten der Solo-Individualisten und flächendeckend gestreuten Comedians keineswegs ein „Hut von gestern“. Aus jenen vergangenen Zeiten scheinen da schon eher die Verkleidungsutensilien zu stammen, die groteske Verweise auf ihre Besitzer geben: Dazu gehört nicht nur die abgetragene Merkeljacke oder ihre zerraufte rötlichbraune Perücke.

Die Drei vom Zwangsensemble weisen zu Beginn auf den Programmtitel hin: Heißt es also Abschied nehmen? Ja, von vielem: vom Wohlfahrtsstaat, von der Rente, vom Nationalstaat, Verabschiedung von Diktatoren und Roland Koch, Abschied von zu Guttenberg nach der Meuterei auf der Bounty. Frau zu Guttenberg wird zur Sissi (v)erklärt. Und zum Publikum heißt es schließlich: „Die letzte Tour bedeutet nicht, dass wir Abschied nehmen. Und das ist auch gut so!
Tretter collagiert die Reichspogromnacht mit der deutschen Martinsgans, redet von Irren, Iren, Griechen, Portugiesen und vom deutschen St. Martins-Tun im Mantel-Teilen: Investments auf der Grünen Insel als „Irisch Moos“. Sarrazin bekommt als „der Karl Dall der Rassentheorie“ heftige Hiebe. Tretter sieht im Fleischkonsum („es bindet Umweltgifte“) die Lösung von Endlager-Problemen.
Unerwartet, provokant, intelligent und bissig sind die Dominoketten der Schlussfolgerungen. Die politische „Sitzung“ im „Reichstag“ findet in den Cabinetti des Männer-WCs statt, „umweht vom Hauch der Geschichte“. Die politischen Gespräche um Besitzstand und Mangelverwaltung (es geht ums Papier!) sind Stammsitzgespräche zwischen Örtchen und Ortsverein, Koalitionsverhandlungen hinter verschlossenen Türen. Nebenbei: Das Publikum bekommt genug zu sehen.
In der nächsten Szene erlebt man Angela Merkel (von Wagner) als Motivationstrainer von inhaftierten Managern. – Dann verhandelt der Buchverleger per Telefon mit Jesus über das dicke Manuskript zur Bibel. „Wer ist der Mann?“ Verwertbar wäre seine Biographie: Als armer Junge hineingeboren ins Palästinensergebiet („Arafat meets Oliver Twist“). „Kollege Moses“ war erfolgreich, der konnte die 600 Gesetze als „Top Ten“ verkaufen. – Neue „Glaubensgemeinschaften“ entstehen auf den kleinsten Dörfern und träumen vom eigenen Meditationszentrum, haben das Werbeplakat schon vor Augen: „Rama genauso gut wie Buddha“. Von den kirchlichen Märthyrern hin zu den Teletubbies, Fusion-Döner, Steckrüben-Carpaccio, Power-Shopping als Ausdruck der Konsum- und Verwertungsgier in der beschleunigten Gesellschaft. Auch trotz Buddha gibt es „Spanferkelessen mit dem Ziel einer Beschleunigung der Reinkarnation“.
Bitterböse ist auch Webers Ballerei mit seiner aufgeblasenen Gummikalaschnikow. Söldner als Lösung einer deutschen Beteiligung „in Bosnien, Äthiopien, Afghanistan und Polen“ – „??“ – „War vor meiner Zeit!“ „Krieg“ wird kabarettistisch erklärt, soll heißen „entlarvt“: „Easy War International – Erklären Sie den Krieg, den Rest machen wir!“

Das Publikum ist begeistert und erklatscht eine Zugabe: Der folgende „Einbürgerungstest“ setzt Erinnerungen an das Jahr 2009 an gleicher Stelle. Auch diesmal misslingt er beim dritten der Gebrüder Morales, wenn auch der Flötenabgang nach Nationalhymne klingt.
Für das Publikum beim Seesener Kulturforum bleibt zu hoffen, dass die Tour weiter geht und die Kabarettisten wieder einmal in der Harzstadt ihre Ideen auspacken.

Joachim Frassl

Foto: Antonio Mateo

Foto: Antonio Mateo

Foto: Antonio Mateo

Foto: Antonio Mateo

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Foto: Antonio Mateo

Foto: Antonio Mateo

Foto: Antonio Mateo

Foto: Antonio Mateo

Foto: Antonio Mateo

Foto: Antonio Mateo

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Foto: Antonio Mateo

Nachricht vom 30.1.11 15:37

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